Sozialgeschichte der Uhrenindustrie

Reform des Schulwesens in den 60er Jahren

geschrieben am: 04.01.2018 von: Annemarie Conradt-Mach in Kategorie(n): Bildung/Ausbildung

Viele der Traditionsfirmen, die 1970 noch bestanden, -man denke hier an Mauthe, Kienzle-Uhren, Kienzle-Apparate, an SABA, – gibt es heute nicht mehr.

Uhrenfabrik Mauthe (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

Uhrenfabrik Mauthe (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

Uhrenfabrik Kienzle Werk II Foto: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

Uhrenfabrik Kienzle Werk II Foto: Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

Der Strukturwandel hat die regionale Industrie völlig verändert, gleichwohl ist die Metallindustrie auch heute noch die wichtigste Branche der Region. Die Schwenninger Bevölkerung verdiente ihr Geld 1970 überwiegend in den vielen Fabriken. Wenn man wollte, konnte man die ersten Zeichen des kommenden Industriezusammenbruchs erkennen, aber wer wollte das 1973 schon?

Eine wichtige gesamtgesellschaftliche Voraussetzung für einen erfolgreichen Strukturwandel war Bildung. Die Unternehmen mussten, wenn sie weiter bestehen wollte, ihre Organisation verändern. Der Anteil der teuren personalintensiven Fertigung musste abnehmen, entsprechend sollten die Aufwendungen für Entwicklung und Arbeitsvorbereitung sowie für den Vertrieb steigen. Ein Hochlohnland brauchte laufend neue innovative Produkte, um auch in Zukunft bestehen zu können.

Machten 1975 gerade 20.995 der Baden-Württemberger Abitur, darunter bereits 5.155 an einem beruflichen Gymnasium, so waren es 2015  50.523 junge Menschen, davon 16.992 an einem beruflichen Gymnasium.1   Gab es damals noch viele ungelernte Arbeiter, die Region hatte in den 70er und 80er Jahren eine im baden-württembergischen Vergleich sehr niedrige Facharbeiterdichte, so sind es heute die ausgebildeten Facharbeiter, die Techniker und die Ingenieure, die unsere regionale Industrie am Laufen halten. Der Ausbau des Bildungswesens auf allen Ebenen war eine notwendige Voraussetzung für den gelungenen Strukturwandel.

1965 veröffentlichte Georg Picht seine Thesen zur deutschen Bildungskatastrophe in der Zeitschrift Christ und Welt2   Die Bundesrepublik Deutschland stehe in der vergleichenden Schulstatistik „am untersten Ende … neben Jugoslawien, Irland und Portugal“3  .

Der Autor sah für die Bundesrepublik einen „Bildungsnotstand“  voraus und glaubte, dass der „bisherige wirtschaftliche Aufschwung … ein rasches Ende nehmen [werde]“, weil der qualifizierte Nachwunschs, ohne den es im technischen Zeitalter keinen Fortschritt gebe, fehle4  . Picht warf der politischen Führung in Westdeutschland vor, sie  verschließe vor dieser Tatsache beharrlich die Augen und lasse es in dumpfer Lethargie oder in blinder Selbstgefälligkeit geschehen, daß Deutschland hinter der internationalen Entwicklung der wissenschaftlichen Zivilisation immer weiter zurückbleibe.5

Picht war der Ansicht, die Zahl der Abiturienten müsse mindestens verdoppelt und die Zahl der Akademiker drastisch erhöht werden: „Wir brauchen eine riesige Vermehrung der Quantitäten auf den höheren Ausbildungsstufen.“6  Seine Gegner warfen ihm vor, bei der Bildung könne nicht mit statistischem Datenmaterial argumentiert werden, hier gehe es um  „Qualität statt Quantität“7   , was Picht als billige Effekthascherei abtat. Die Politik solle sich nicht mit Schlagworten zufriedengeben, sondern endlich Ursachenforschung in Bezug auf den aktuellen Qualitätsverlust im Bildungsbereich betreiben.

In Baden-Württemberg würden 2.511 Gymnasiallehrer fehlen, das seien 44 Prozent der 1965 aktiven 5.678 Gymnasiallehrer8  . Die Schulklassen an den Volksschulen seien mit teilweise 60 bis 70 Schülern völlig überfüllt, dass auch die „beste Begabung verkommen“ würde „und selbst der klügste Student könne nichts mehr lernen, solange in den sogenannten Massenfächern für mehrere Hunderte von Studenten nur ein einziger Ordinarius zur Verfügung“ stehe.9

Schulpolitik hatte für Picht viel mit Sozialpolitik zu tun. Soziale Gerechtigkeit bedeutete nach seiner Ansicht vor allem gerechte Verteilung von Bildungschancen. Die Schule sei ein sozialpolitischer Direktionsmechanismus, „der die soziale Struktur stärker bestimm[e] als die gesamte Sozialgesetzgebung der letzten fünfzehn Jahre.“  Denn über das Schulsystem würden schon bei den Zehnjährigen ihre späteren Einkommenschancen festgelegt.10

Diese Argumente Pichts werden auch heute noch vorgebracht. In den sechziger Jahren war aber nicht nur die soziale Herkunft entscheidend für den Bildungsweg des Einzelnen, sondern auch die regionale Herkunft. Über die individuellen Bildungschancen entschied auch, in welchem Bundesland ein Kind lebte. Die Entscheidungen der Landtage, so Picht, seien verantwortlich dafür „wie groß die Sozialchancen der Bevölkerung eines Bundeslandes sind.“11

So unterschied sich damals die Anzahl der Schulabgänger mit mittlerer Reife in den einzelnen Bundesländern ganz erheblich. Massive Unterschiede gab es auch  beim Anteil der Hauptschulen, die eine Fremdsprache anbieten konnten.12   Das Erlernen einer Fremdsprache aber war nach Pichts Ansicht entscheidend, ob man den Zugang in weiterführende Bildungsmaßnahmen finde.

Prozentsatz der Schüler, die 1960 einen mittleren Bildungsabschluss erreichten.

BundeslandProzentsatz
Schleswig-Holstein24
Berlin23
Bremen 22
Hamburg20
Hessen17
Niedersachsen16
Bayern 12
Nordrhein-Westfalen11,5
Baden-Württemberg10,5
Rheinland-Pfalz7
Saarland5
Tabelle nach Georg Picht, Die Deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Freiburg 1964, S. 33

Internationale Vergleichszahlen (Mittlerer Bildungsabschluss 1960)

LandProzentsatz
Norwegen35,7
Niederlande32,8
Schweden32,8
Belgien31,5
Frankreich30,8
Tabelle nach Georg Picht, Die Deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Freiburg 1964, S. 33

 

  1. Statistisches Landesamt Baden-Württemberg 2015 []
  2. Georg Picht, Die Deutsche Bildungskatastrophe. Analyse und Dokumentation. Freiburg 1964. Die Serie erschien 1964 im Februar in Christ und Welt. []
  3. Ebd. S. 16 []
  4. Ebd. S. 17 []
  5. Ebd. []
  6. Ebd. S. 28 []
  7. Ebd. S. 29 []
  8. Ebd. S. 29 []
  9. Ebd. S. 30 []
  10. Ebd. S. 31f []
  11. Ebd. S. 33 []
  12. Ebd. S. 34 []
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[…] einen mittleren Bildungsabschluss und 18 Prozent schlossen mit dem Abitur ihre Schullaufbahn ab.  Im Jahr 2014 hatten 19 Prozent der Schulabgänger einen Hauptschulabschluss, 48 Prozent einen mittle…20   Längere Schulzeiten bedeuteten, dass weniger Menschen auf den Arbeitsmarkt drängten und […]

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