Sozialgeschichte der Uhrenindustrie

Kienzle Apparate – 50er und 60er Jahre

geschrieben am: 09.01.2017 von: Annemarie Conradt-Mach in Kategorie(n): Kienzle Apparate

50er und 60er Jahre – Aufbau des Unternehmens

Die Büromaschinenindustrie  war vor 1945 in Thüringen und Sachsen angesiedelt. Es gelang, den Buchungsmaschinen-Konstrukteur Lorenz Maier und den Verkaufsdirektor des sächsischen Büromaschinenherstellers Wanderer Continental, Karl Hueg,  nach Villingen zu holen und mit dem erfolgreichen Unternehmenszweig Büromaschinen zu beginnen.

Kienzle Buchungsautomat Klasse 200 (Bild StAVS)

Kienzle Buchungsautomat Klasse 200 (Bild StAVS)

Auf der Hannover- Messe 1950 zeigte Kienzle erstmals seine Kienzle-Saldier Maschine der Klasse 100, 1951 präsentierte das Unternehmen eine einfache Buchungsmaschine.1

Kienzle konnte sich innerhalb kurzer Zeit auf dem Markt durchsetzen. Kunden waren. Behörden, Banken, Sparkassen,  Handels- und Industrieunternehmen2  und auch die Deutschen Bundespost3  . „Von Schüttel- und Springwagen führte der Weg über sogenannte Simplex-Buchungsmaschinen zu einem Buchungsautomatenprogramm, das bis zum Ende der fünfziger Jahre alle technisch-organisatorischen Möglichkeiten der damaligen Zeit abdeckte und in der Bundesrepublik Deutschland einen beachtlichen Marktanteil sicherte.“4

Über 50 % aller in der Bundesrepublik hergestellten Addierbuchungsmaschinen seien damals aus Villingen gekommen. Die Umsätze stiegen. Das Unternehmen expandierte. Bereits Ende 1953 hatte Kienzle 1575 Beschäftigte. Im Dezember 1955 zählte Kienzle 2088 Mitarbeiter. Im Juli 1956 wurde die 48-Stundenwoche auf 45 Stunden reduziert. Im Werk Villingen waren 1956 1896 Mitarbeiter beschäftigt. 1958 waren es in Villingen 1902 Mitarbeiter und 1959  2051.

Am 3. Juni  1954 starb Geschäftsführer Dr. Herbert Kienzle, im Oktober 1954 trat sein Sohn Jochen Kienzle in die Geschäftsführung ein.

Kienzle stand für Tradition und Moderne, war in der Nachkriegszeit ein positives Beispiel eines erfolgreichen, technologisch innovativen Familienbetriebs, der sich durch eine soziale und relativ transparente Mitarbeiterführung auszeichnete. Kienzle stand für betrieblichen und gesellschaftlichen Zusammenhalt, war ein Beispiel für den stürmischen sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt Nachkriegsdeutschlands.

Das Unternehmen suchte gute Arbeitskräfte. Dies war der Grund, weshalb Heinz H. 1958  von Buggingen nach Villingen kam. Er wollte nach dem Abitur nicht studieren sondern einen Beruf ergreifen und bewarb sich  bei vielen südbadischen Unternehmen.  Dann las er eine Anzeige, dass Kienzle Apparate Lehrlinge suche. Damals war der Weg nach Villingen weit. „Da musste man erst auf die Karte gucken“.  H. machte eine Ausbildung zum Industriekaufmann und arbeitete anschließend im Produktbereich B (Büromaschinen) bis zu dessen  Ende 1998.  Bei Kienzle lernte er auch seine Frau kennen.5

Wegen des hohen Bedarfs an Mitarbeitern in den Nachkriegsjahren kümmerte sich das Unternehmen um Wohnungen für die Zugezogenen. Man organisierte Weihnachtsfeiern und unterschiedlichste gesellige Aktivitäten, finanzierte Betriebsrenten und andere soziale Beihilfen6  .

Heinz H.  und seine Frau erinnern  sich, wie viele andere Villinger: „Weihnachten bei Kienzle Apparate, das war das große Ereignis in Villingen. Da saß einer am Flügel, da wurden Weihnachtslieder gesungen. Das war richtig schön. Die Kinder wurden beschenkt. Und dann hat man in der Stadt gesehen, wer bei Kienzle gearbeitet hat. Das hat man an den Kindern ablesen können.  Die hatten alle qualitativ hochwertige Anoraks vom Nikolaus bekommen. Da hat man in Villingen gesagt, das sind Kienzle-Kinder.  Man hat einfach gesehen, welche Kinder die Geschenke von Kienzle anhatten.“7

Kienzle Apparate Weihnachtsfeier in der Tonhalle 1971? (Bild privat)

Kienzle Apparate Weihnachtsfeier in der Tonhalle 1971? (Bild privat)

Das Verhältnis von Arbeitern und Angestellten verschob sich bei Kienzle Apparate schon sehr früh zu Gunsten der Angestellten, was darauf zurückgeführt wurde, dass bei Kienzle-Apparate immer mehr qualifizierte Fachkräfte „mit der Wahrnehmung von Angestelltenaufgaben betraut wurden“. Die Zunahme der Angestellten sei keinesfalls auf die Zunahme der Verwaltung zurückzuführen, sondern sei ein Ergebnis „der fortschreitenden Entwicklung der Technik“, deshalb habe man viele ehemalige  Arbeiter auf Grund ihres neuen Aufgabengebiets ins Angestelltenverhältnis übernommen.8

Kienzle Apparate bemühten sich laufend um Innovationen und Produkte. Die Fortbildung der Mitarbeiter war aus diesem Grund sehr wichtig. Bereits 1962 bot das Unternehmen Kurse in Mathematik, Englisch, Französisch und Elektronik an. Beklagt wurde allerdings, dass nur wenige Teilnehmer die Kurse bis zum Schluss durchhielten.9

Das Unternehmen kümmerte sich konsequent um die Weiterbildung seiner Arbeitskräfte. Man setzte sich für die Einrichtung einer Technikerschule in Villingen (1961/62)  ein und versuchte aus den vorhandenen Mitarbeitern Führungskräfte heranzubilden, indem man diese motivierte, die  Techniker- Meister- und  Ingenieurschulen zu besuchen.10

Bildung und berufliche Weiterbildung waren  ein großes Thema. Man sah sich deshalb in der glücklichen Lage „laufend qualifizierte Lohnempfänger in das Angestelltenverhältnis“ zu übernehmen. 1962 wurden insgesamt 67 Arbeiter Angestellte. Die von Kienzle  „stark geförderte fachliche Weiterbildung – durch Errichtung von Fachkursen aller Art im Werk und durch Finanzierung der Teilnahme an Bildungsmöglichkeiten“- machte sich bemerkbar. „Weiterhin [wurden] zahlreiche technische und kaufmännische Spezialkräfte besonders für die immer komplizierter werdenden Büromaschinen geworben.“ Die Veränderung in der Produktion wirkte sich auf die Zusammensetzung der Belegschaft aus; diese Entwicklung verlangte immer stärker Fach- und Spezialkräfte im Angestelltenverhältnis, während der Bedarf an ungelernten Arbeitern ständig abnahm. Die Fluktuation im Unternehmen war erfreulich niedrig, trotz des hohen Arbeitskräftemangels in der Wirtschaftswunderzeit.11

Größere Kontingente an Gastarbeitern würden nicht benötigt, da der Bedarf an ungelernten Arbeitskräften abnehme. Die ausländischen Mitarbeiter, die man habe, seien allerdings gut integriert.12

  1.  Armin Müller, Kienzle. Ein deutsches Industrieunternehmen im 20. Jahrhundert. Stuttgart 2011. S. 75 []
  2. Armin Müller, Kienzle. Ein deutsches Industrieunternehmen im 20. Jahrhundert. Stuttgart 2011. S. 76 []
  3. Kienzle-Blätter v. 18.4.1955 S. 10, Buchungsmaschinen im Dienste der Deutschen Bundespost []
  4. Herbert Ackermann, Von Taxametern, Fahrtenschreibern und Computern. Die Geschichte der Kienzle Apparate GmbH. Jahresheft des GHV 1995, S. 11 []
  5. Heinz H. Interview  vom 14. 8. 2015. Viele bekannten Villinger bzw. Schwenninger haben bei Kienzle Apparate gearbeitet. So auch der spätere SPD-Landtagsabgeordnete Adam Berberich.  Bei den Betriebsratswahlen im Juni 1966 wurde der Monteur aus der Preisrechnermontage Adam Berberich  geb. 1.11.1914 Betriebsrat. Später war er DGB-Vorsitzender und SPD Landtagsabgeordneter. []
  6. Kienzle-Blätter Nr. 1, 1957 S. 2 []
  7. Heinz H. Interview vom 14.8.2015 []
  8.  Kienzle-Blätter Nr. 1, 1957  S. 15 []
  9. Kienzle-Blätter 1962, Nr. 3, S. 30 []
  10. A.a.O. S. 39 []
  11.  A.a.O. S. 20f []
  12. A.a.O. []

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