Sozialgeschichte der Uhrenindustrie

Das Ende eines traditionsreichen Familienbetriebs

geschrieben am: 06.03.2015 von: Annemarie Conradt-Mach in Kategorie(n): Mauthe-Konkurs, Uhrenfabrik Mauthe
Friedrich Mauthe der Firmengründer mit Ehefrau und Tochter

Friedrich Mauthe, der Gründer der Uhrenfabrik Mauthe, (1822-1884) mit Ehefrau Marie Mauthe geb. Kienzle (1823-1874) und Tochter Marie Spek geb. Mauthe (1848-1921) Stadtarchiv Villingen-Schwenningen

Wer war schuld an der Mauthe-Pleite?

Ende Oktober 1975 stellte man die Frage nach der Schuld am Untergang. Schuld war der Chef der Landeskreditbank, der den zinsgünstigen Kredit verweigerte, schuld waren die Gesellschafter, die die versprochene Million nicht herausrückten, schuld war der Konkursverwalter, der die Bezahlung seiner Rechnung mit Gerichtsbeschluss erzwang.
1974/ 75 gab es immer noch die Zuversicht, dass die deutschen Großuhren noch eine Zukunft hätte, insoweit kam der Konkurs der Firmen Kaiser und Mauthe für die Öffentlichkeit und für die Betroffenen unerwartet und unverständlich. Ein Geschäftsmodell, das 130 Jahre lang zum Wohl des Unternehmens und der Stadt funktioniert hatte, konnte doch nicht plötzlich versagen.

Die Friedrich Mauthe GmbH Mauthe war während der gesamten Zeit ihres Bestehens ein Familienbetrieb, wenn auch die Gesellschafter durch Vererbung immer zahlreicher wurden. Alle Anteilseigner 1975 waren direkte Nachfahren des Firmengründers Friedrich Mauthe. Die Unternehmerfamilie war eng mit der Industriegeschichte des Stadtteils Schwenningen verbunden und hatte viel zur Entwicklung und zur Mehrung des Wohlstands der Industriestadt Schwenningen beigetragen. Diese Bindung zwischen dem Unternehmen und der Stadt wurde bei den Diskussionen in den Gesellschafterversammlungen immer wieder deutlich.
Allerdings ließ die Bindung der Familie an das Unternehmen nach, da immer mehr Familienmitglieder nicht mehr in Schwenningen wohnten und den unmittelbaren Bezug zur Stadt nicht mehr hatten. Eine Liquidation des Unternehmens zu betreiben schädigte den Ruf der Familie Mauthe und bedeutete auch, daß die Mauthe-Uhren sich schlechter verkauften. Ein Familienbetrieb lebt von seinem guten Ruf. Die Gesellschafter hatten deshalb wenig Interesse daran in Schwenningen ins Gerede zu kommen.
Der Abbau von Arbeitsplätzen war z.B. für die Firma Kienzle, die zum Kreidler-Konzern in Stuttgart gehörte und dessen Chef seinen Ruhestand möglichst ungestört am Zürich See verbringen wollte, einfacher. Kreidler interessierte es wenig, was in Schwenningen über seine Firmenpolitik erzählt wurde, im Gegenteil die Reaktionen der Öffentlichkeit waren ihm völlig gleichgültig.

Zur Jahreswende 1972/ 1973 kam es bei Mauthe zu starken Veränderungen innerhalb der Geschäftsführung und der Gesellschafter, durch das Ausscheiden der beiden Geschäftsführer Eugen Helmut Schreiber und Curt Edgar Schreiber und durch den Tod von drei Gesellschaftern. Neue Geschäftsführer traten an. Der Kreis der Anteilseigner vermehrte sich von 5 auf insgesamt 19 Personen.
Die Geschäftsleitung bei Mauthe versuchte zumindest ab 1970 alle gängigen Rezepte der Unternehmenssanierung, die diskutiert wurden, wie Kooperation, Diversifikation, Übernahme von Handelsware, Einschränkung der unrentablen mechanischen Produktion, Abbau der Beschäftigten.
Grundsätzlich gelang es der Uhrenfabrik Mauthe nicht die Produktion in ausreichendem Maße auf kostendeckende Produkte umzustellen. Zu stark war das Engagement der Firma im immer unrentabler werdenden Weckerbereich. Die neuen Ansätze, die verfolgt wurden, waren richtig, setzten aber vermutlich 10 Jahre zu spät ein. Eine Entwicklung, die in vielen Uhrenfabriken ähnlich ablief.
Bereits 1972 wurde im Aufsichtsrat und in der Gesellschafterversammlung über einen Verkauf der Uhrenfabrik Mauthe gesprochen, aber wer wollte in dieser Zeit noch eine Uhrenfabrik kaufen?
Das Unternehmen agierte regelrecht hilflos, wobei vermutlich viele Großuhrenfabriken sich in der gleichen Situation befanden. Man muss bei all dem berücksichtigen, dass die Fa. Kienzle-Uhren zu dieser Zeit ebenfalls rund 1000 Beschäftigte abbaute, ihre Geschäftsführer in die Wüste schickte und ihr Uhrenmuseum verkaufte.

Wecker der Fa. Mauthe

Wecker der Fa. Mauthe

Einesteils versuchte man bei Mauthe die Produktion der mit rasender Geschwindigkeit immer wertloseren und damit teureren Produkte, wie die mechanischen Großuhren einzuschränken, die Produktion von elektrischen bzw. elektronischen Uhren voranzubringen, die damit beschäftigten Mitarbeiter zu entlassen, andererseits versuchte man neue Artikel zu finden, die wieder Gewinne brachten, oder aber die Kapazitäten durch Aufträge anderer Unternehmen auszulasten. Es gab bei Mauthe interessante Ansätze, das Problem war vermutlich, dass die anderen Uhrenfabriken der Region sich genau in der gleichen Situation befanden, es gab unzählige freie Kapazitäten, zahllose verschiedene Anbieter von feinmechanischen Diversifikationsprodukten.
Mauthe versuchte als Handelsware auch Quarzuhren zu vertreiben, es scheint aber dass der Markt 1972/ 73 was die Quarzuhr anging noch relativ unentschieden war, der Vertrieb der Quarzuhr eigentlich nur das angekratzte Image der Uhrenfabrik verbessern sollte. Die Verbraucher waren unsicher, die Preise für Erdöl stiegen, die Kredite wurden teurer und man hielt sich was Kauflust anging eher zurück. Es waren nur wenige geneigt, sich eine teure Quarzuhr anzuschaffen. Notwendig waren technische Neuentwicklungen. Die aber brauchten Zeit und waren ohne Investitionen in neue moderne Maschinen nicht zu haben, für die fehlte allerdings bereits vor der Kiss Kiss-Pleite das Geld.
Die neuen Geschäftsführer sahen deshalb 1973 keine Möglichkeit die Firma wirkungsvoll zu sanieren oder mit möglichst geringem Schaden zu liquidieren und machten sich daran einen „Experten“ für dieses Geschäft zu finden. Dieser Experte schien in der Person von Dieter Reiber gefunden zu sein, dem alle zutrauten, er könne die Firma aus den roten Zahlen bringen. Nach der missglückten Rettung wollten die Gesellschafter nur noch raus aus ihrer Verantwortung mit möglichst geringem Schaden, soweit dies überhaupt noch möglich war.

Der Kaiserkonkurs und die Massenentlassungen bei der Fa. Kienzle verschlechterten die Situation auf dem Arbeitsmarkt. Obwohl die IG Metall grundsätzlich auf technologische Neuerungen setzte, kam es für die Gewerkschaft darauf an die Region nicht völlig dem wirtschaftlichen Verfall preiszugeben und möglichst wenig Gewerkschaftsmitglieder in die Arbeitslosigkeit zu entlassen.
Die Verantwortlichen in der Kommunalpolitik wie auch bei den Gewerkschaften setzten in dieser Situation alles daran die verblieben 370 Mauthe-Arbeitsplätze zu erhalten.
Im Oktober 1975 wurde vor allem die Schuld bei der Landeskreditbank, die den zinsgünstigen Kredit verweigerte, und bei den Gesellschaftern, die am Ende die versprochene Million nicht bereitstellten, gesucht. Die Mauthe-Geschäftsführung, die IG Metall und die Stadt hatten verbissen gekämpft, die Enttäuschung über den eingetretenen Konkurs war deshalb groß.
Aus der Situation des Jahres 1975 in Schwenningen war es verständlich, dass die Gewerkschaft und die Kommune auf Zeit setzten, und die hätte man vielleicht durch einen weiteren Kredit bekommen können, eine dauerhafte Sanierung der illiquiden Uhrenfabrik wohl eher nicht.
Aus der Perspektive von heute, mit der Einsicht, daß es eine deutsche Uhrenindustrie fast nicht mehr gibt, stellt sich diese Frage nicht mehr. Die Uhrenindustrie hatte schon lange den Anschluss an die dynamische Industrieentwicklung in Baden-Württemberg verpasst.
Auf Dauer war in einem Hochlohnland mit dem lohnintensiven Massenprodukt Uhr kein Geld mehr zu verdienen. Und so banal diese Weisheit ist, ohne Gewinne lassen sich Unternehmen und die damit verbundenen Arbeitsplätze auf Dauer nicht halten.

Abriss der Uhrenfabrik Mauthe (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

Abriss der Uhrenfabrik Mauthe (Stadtarchiv Villingen-Schwenningen)

 

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